Ötztaler Radmarathon 2014 – Einmal kneifen ist ok, ein zweites Mal nicht

Der nachfolgende Bericht kann Spuren nicht alltagstauglicher Formulierungen enthalten, die bei dem ein oder anderen zu Stirnrunzeln führen können.

Leck mich am Arsch.
Die Aussage trifft für mich so ziemlich genau auf die Erlebnisse des vergangenen Ötztaler Radmarathons zu. Nachdem ich 2013 auf Grund der Witterungsverhältnisse dann doch nur zum Start gelaufen und nicht gerollert bin, wollte ich mir in diesem Jahr nicht die Blöse erneut geben. Die Wettervorhersagen waren vielversprechend… jedenfalls bis Samstag, einen Tag vor dem Start. Wer auch immer es war, aber irgendjemand hat so kräftig an der Vorhersage für Sonntag gedreht, dass man doch schon wieder ins Grübeln kommen konnte. Der Start sollte trocken verlaufen, mit der Option der zunehmenden Dusche ab dem Jaufenpass.
Am Vorabend wurden die Räder entsprechend präpariert, die Klamotten zurecht gelegt (wie bei Mutti früher) und das Frühstück vorbereitet. Es ist 21:00 Uhr, als das Licht erlischt.

Sonntag, 04:15 Uhr. Der Wecker klingelt. Es ist dunkel. Es rauscht. Es rauscht zum Glück nur der Bach vorm Haus und nicht der Regen auf dem Asphalt. Dank zweier Bäder kommen wir drei uns um diese Zeit auch nicht wirklich ins Gehege. Es ist verdächtig ruhig im Raum. Lediglich drei Pulstöne kann man spüren. Nochmal die Wettervorhersage abgerufen: keine Änderung. Es ist also auch nicht schlechter geworden – schonmal viel Wert.

05:45 Uhr verlassen wir das Haus. Der Weg zum Fahrradkeller wird begleitet vom Surren der Ketten, der zum Start fahrenden Fahrer.
Kurz nach 06:00 Uhr rollen auch wir los. Man lacht. Es ist schon fast ein verzweifeltes Lachen, immerhin wissen zwei von drei, was genau auf uns zukommen wird. Nachdem wir bereits zur Startaufstellung einmal falsch abgebogen sind, hoffen wir einfach nur, dass es das letzte Mal an diesem Tage war. Gegen 06:15 Uhr finden wir uns dann am Start ein. Relativ weit hinten, im Vergleich zu den Vorjahren. Aber trocken. Und auch verhältnismäßig warm mit 8°C. 4°C und Nässe wären dramatischer.

06:45 Uhr der Startschuss. Wenige Minuten später beginnt auch unser Bereich sich etwas schwerfällig in Bewegung zu setzen. Die Zeitmatte am Start wird überquert – es piept. Die Zeit läuft. Auf geht’s! Allez allez! Moment… weshalb zeigt der Fahrradcomputer nichts an. Mist. Ach klar, am Start waren wieder einmal zu viele Sender in Reichweite. Ausgeklickt, eingeklickt – läuft. Also jetzt aber: auf geht’s!

Die Straßen sind trocken. In den Tunnel sind ein paar feuchte Stellen – Obacht geben. Es geht abwärts. Das nächste Ziel ist Ötz. Das Feld rollt. Vereinzelt schießen Teilnehmer an mir vorbei. Es ist unheimlich wichtig auf den ersten 20 km Zeit gutzumachen. Eine Utopie zu glauben, man könne es im Anstieg herausholen. Nun gut. Ich rolle weiter geradlinig Richtung Ötz. Ein Kreisverkehr hier, eine Verkehrsinsel da. Schau, ein Wasserfall. Die Wolken hängen tief. Immer wieder für die anderen mitdenken, damit mich niemand umnietet. Das Tempo ist hoch. Der Wind hält sich in Grenzen. Die ein oder andere Lücke fahre ich dann doch zu. Innerlich verfluche ich mich dafür, weiß ich doch, dass ich damit meine paar Körner unnötig verbrenne. Mit durchschnittlich 49 km/h zieht die Landschaft an einem vorbei. Vorbei an den Zuschauern, die sich um diese Uhrzeit aus dem Bett quälen wie die Fahrer, um uns anzufeuern. Nicht schlecht.

Die ersten fahren rechts ran. Sie entledigen sich ihrer Jacken. Das Kühtai hört man förmlich rufen. Sanft und ruhig. Der Kreisverkehr in Ötz ist erreicht. Ich erspähe Robin. Folge ihm allerdings nur kurz, bis auch er sich seiner Jacke entledigt. Ich, als Frostbeule, entscheide mich gegen das Ablegen. Ok, der eigentliche Grund ist eher im Zeitverlust zu sehen, als in der Kälte.

sportograf-53737197Die Ketten surren. Außer bei Fahrern, die unter Last schalten, da verkommt das Surren eher zu einem Knacken und Krachen. Bei mir löst das immer wieder verzerrte Gesichtsmimik aus. Egal, meine Schaltung läuft wie geschmiert. Nicht umsonst habe ich doch am Vorabend noch einmal die Kette gesäubert und mit DryFluid versehen. Da ist auch schon der Ortsausgang. Vom Rand aus werden wir mit einem kräftigen „Guten Morgen!“ angefeuert. Da muss scheinbar jeder durch. Ab geht’s in die Rampe jenseits der zivilen Bevölkerung. Der Wald ruft. Der Reifen lächzt nach frischem Asphalt so gut er nur kann. Der Flaschenhals sind die Beine, wie immer. Die Kehren tauchen auf. So unverhofft wie sie nur können. Der Blick zurück bzw. nach unten ähnelt dem Blick nach oben: Räder. Massen Räder. Ochsengarten wird erreicht. Ein recht flaches Stück steht vor uns. Ich halte es eher für die Ruhe vorm Sturm. Ich weiß, dass nach diesem Flachstück der Hammer kommt: 18%. Da sind sie auch schon. Die Wand stellt sich auf. Die Geschwindigkeit sinkt. Sie sinkt auf unter 9 km/h. Die Option des Laufens fliegt kurz durch die Gedanken, vergiss es! Mit gequälten 50 U/min geht es hoch. Nicht voran, nur hoch. Raus aus dem Sattel. Rein in den Sattel. Geschafft. Der Blick zurück zeigt es: scheiße war das steil.
Nächste Station: Stausee. Niemand klatscht dieses Mal einer Kuh auf den Hintern. Liegt aber vermutlich auch nur daran, weil keine Kuh zu sehen ist. Möglich – ich bin unschlüssig. Auf den Ortsschiildsprint Kühtai verzichte ich. Weiß ich doch, dass danach die letzte Rampe kommt. Zuschauer säumen den Straßenrand. Die Gasse wird immer enger. Ein klein wenig fühl ich mich wie ein Profi. Der Blick auf den Fahrradcomputer zerschmettert mir diesen Gedanken unverzüglich. Lächerliche Geschwindigkeit. Angekommen bin ich also auf dem Kühtai. Die Zeit ist für meine Verhältnisse gut. Knapp über 2h habe ich bis hierher benötigt – geht mir durch den Kopf, während ich meinem dringenden natürlichen Bedürfnis nachkomme.
Aufgesattelt und weiter. Keine Flasche auffüllen, alles unnötiger Zeitverlust. Da sind Robin und Ingolf. Ich fahre vorbei, klopfe kurz auf die Schulter und rolle weiter. Den Riegel in der Hand, fett am Fressen, geht es in die Abfahrt. Der Asphalt ist nach wie vor trocken. Vor der ersten Galerie stehen Autos. Ein Unfall. Später erfahre ich, dass sich zwei Radfahrer zu nahe gekommen sind und gelegt haben. Holzauge, sei wachsam. 1.300 Hm geht es hinunter. Große Zahlen erscheinen auf der Anzeige: 93 km/h. Ich nehm mal lieber beide Hände an den Lenker – man weiß ja nie. Die Temperatur ist human, fast schon zweistellig. Die Wind- und Regenjacke flattert leicht im Wind. Habe ich abgenommen? Merkwürdig. Ach nein, das ist ja die neue Jacke. Größe M musste ich mir kaufen. Größe S war zu eng. Nicht am Bauch, wie man vermuten würde, sondern am Oberarm. Beidseitig übrigens. Der Riegel ist verdrückt. Ein kleines Leckerli quasi. Ab durch die Mitte – ab durch Kematen. Auch hier erfahre ich später, dass es einen schlimmen Unfall gab: ein Fahrer ist mit freilaufenden Pferden kollidiert. Für alle Beteiligten kein schönes Unterfangen.sportograf-53698786

Ich rolle aus. Mehr oder weniger. Ich sehe die Karavane Richtung Innsbruck ziehen. Wie wird der Wind wohl sein? Ich schaue mich um. Irgendwie keiner richtig zu sehen, mit dem man ein Grüppchen bilden könnte. Die vorn sind zu weit weg. Gut, rollern wir erst einmal. Im Kreisverkehr abbiegen. Leichter Gegenwind, hält sich aber in Grenzen. Vom Rand aus starten einige Fahrer, die sich ihrer Jacken von der Abfahrt entledigt haben. Ich fahre weiterhin in voller Montur. Ein Grüppchen bildet sich. Harmonisch ist es allerdings nicht. Das Tempo schwankt zwischen 35 und 43 km/h. Ja, Harmonie ist in meinen Augen etwas anderes. Wir fliegen in Innsbruck ein. Noch einmal rechts abbiegen und schon befinde ich mich in den Ausläufern der alten Brennerstraße. Da war ja was. 2011 habe ich doch hier einiges an Zeit und Körnern verloren. Wie mache ich das in diesem Jahr? Gleichmäßig fahren – lautet die Devise. Er lässt sich eigentlich gut fahren, der Brenner. Von 3% bis 12% ist alles dabei. Nur nicht totfahren. Es sind schon ein paar Kilometer. Es findet sich tatsächlich ein guter Frontmann. Er kurbelt fleißig. Ich hänge mich dran. Finde mich mit dem Gedanken ab auch führen zu müssen. Das passiert allerdings eher selten. Der Blick nach hinten verrät: auch andere mögen das Tempo und die Gleichmäßigkeit. Ab und zu ziehen einige vorbei. Sie fahren dann 50m vor uns weiter. Warum macht man sowas? Ich rolle als Spitze nach Matrei am Brenner. Die Zuschauer jubeln. Ist schon ein geiles Gefühl. Könnte ich mich dran gewöhnen. Lange wärt diese Freude nicht. Ich finde mich in dritter Reihe wieder. Egal – ich hatte meinen Spaß.
Die Steigung nimmt zu. Lange ist’s nicht mehr. Ich kann die Labe schon riechen. Bilde ich mir jedenfalls ein. So langsam kommt auch ein Hungergefühl auf. Ich habe lange Handschuh an. Mit denen bin ich feinmotorisch betrachtet außer Gefecht gesetzt. Halte ich es noch aus? Oder muss ich doch noch anhalten und mir das Mahl auspacken? Ich halte aus. Auf der Brennerautobahn ist Stau. Im Prinzip stört mich das gar nicht. Da ist die lange Kurve, hinauf zum Brenner. Wieder feuern die Zuschauer einen an. Herrlich. Damit läuft’s doch gleich irgendwie besser. Optisch schaue ich gefühlt aus wie… ja wie eigentlich? Jedenfalls fühlt sich meine Mimik nicht nett an. Sie nehmen mir das hoffentlich nicht übel. Befinde ich mich doch in anderen Umständen. Oben. Herrlich, die Labe… f***. Wo ist die Labe? Die war doch letztens, also 2011, genau hier. Or nee, verlegt. Zum Glück nur wenige Meter weiter, abseits der Straße. Wat bin ich froh. Ich verspeise eine Riesenbanane. Geschmacklich eher nicht so riesig. Mehlig. Und hart. Robin und Ingolf müssten doch auch hier langfahren. Wo sind die beiden eigentlich. Können doch nicht so weit weg sein. Trainingstechnisch sind sie mir um Welten voraus. Gewichtstechnisch allerdings auch – hehe, mein bester an diesem Tage. Da kommen sie auch schon reingerollt. Meinem wilden Winken können sie nicht folgen. Ich rolle ihnen hinterher. Sie sind erstaunt mich anzutreffen – na und ich erst. Ich beschließe die paar Minuten noch zu warten. Kommt mir die Erholungspause doch ganz recht. Der Blick auf die Uhr verrät: ich befinde mich quasi auf 10h-Ziel. Nicht schlecht. Nur blöd, dass es noch 120 km weiter gehen soll und noch mehr als die Hälfte der Höhenmeter nach oben. Nunja. Passiert. Wenn ich es nicht wöllte, hätte ich Fußball spielen sollen.

Auf geht’s in die Abfahrt. Italien ruft – mehr oder weniger. Hinab geht’s die trockenen Straßen. Der Asphalt könnte doch ein bisl besser sein. Er leidet wohl auch von Jahr zu Jahr. Ich versuche mich hinter Robin zu verstecken. Es gelingt mir nur bedingt. So breit ist er dann doch nicht. Blöd. Ich beschließe mit ihm darüber zu reden. Das geht so nicht. 15 km später kommen wir unten an. Heile. Das letzte Slow-Schild haben wir gepflegt ignoriert. Die scharfe Kurve dennoch gut gemeistert. Die Überfahrt zum Einstieg in den Jaufenpass beginnt. Leichter Gegenwind. Robin ist die Spitze. Er geht raus. Ich kann nicht nachrücken. Ich rolle weiter. Halte mein Tempo. Plötzlich fahren zwei voraus. Gut, dass sie vorausfahren. Blöd, dass sie eine Lücke von 20m gerissen haben. Wieso müssen die auch das Tempo erhöhen, nur weil der erste rausgeht? Eimer! Robin schließt die Lücke. Guter Mann! Der Jaufenpass ist erreicht. Robin und Ingolf fahren raus und entledigen sich, genau, ihrer Jacken. Ich bleibe konsequent, behalte alles an, was ich habe. Es könnte ja plötzlich kalt werden, gar regnen. Dann müsste ich anhalten und mir wieder alles anziehen. Diesen Zeitverlust kann ich mir nicht leisten.

Lange dauert’s nicht, bis die beiden Kollegen mich wieder überholen. Ich eiere gemütlich am Rande hoch. Der Jaufen und ich, wir waren nie so richtige Freunde. Wir werden auch nicht richtige Freunde werden. Wir wissen es beide und machen das beste daraus. Hach könnt‘ ich kotzen. Der Jaufen kotzt mich an. Ich werde gefühlt von jedem überholt. Einige überholen mich zweimal. Pff… Angeber. Nein, vermutlich nicht, aber trotzdem! Dabei ist der Jaufen doch recht gleichmäßig. Warum werde ich nicht warm mit ihm? Unter 10 km/h. Wie peinlich. Wie sinnlos. Ach, was rege ich mich auf. Auch ich werde ihn packen – über die Zeit reden wir nicht. Je höher ich komme – das dauert schon lange genug, desto schlechter wird das Wetter. Es zieht sich so richtig zu. Die Temperatur sackt gefühlt ab. Ich erspähe die Labestat… nein, wo ist sie? Ach, vermutlich befindet sich die Labestation dieses Jahr einfach nur in der trüben Suppe da oben. Hab ich einen Bock auf das Wetter. Die Labe erreiche ich. Das Rad hänge ich in den Halter und begebe mich auf die Suche: Cola muss her. Vergiss es. Ich hänge das Rad nicht in den Halter, ich suche mir direkt Cola! Mir egal. Ich bin erfolgreich. Zumindest was die Findung der Cola angeht. Ein Becher. Zwei Becher. *Rülps* Herrlich. Ich fühle mich männlich. Ich grinse. Die Flasche bekommt Eistee nachgefüllt. Bei dem Wetter bekommt „Eis“-Tee eine sarkastische Bedeutung. Ich denke nicht weiter darüber nach. 15 Minuten sind doch bestimmt schon rum. Wie wäre es mit weiter fahren? Gute Idee. Ich schwinge mich grazil auf den Bock. Es gelingt mir insofern, dass ich jedenfalls drauf bin und los fahre. B-Noten gibt’s heute nicht. Noch zwei Kehren bis zur Zeitnahme. Vergiss die 10h. Wie wäre es mit 11h? 11h sind doch auch ein gutes Ziel. Du hast nicht so viel trainiert. Du hast die letzten 3 Wochen im Prinzip passiv regeneriert. Scheiße, du hast die letzten 3 Wochen rein nichts gemacht. Idiot. *Piep* Oh, die Zeitmatte am Jaufenpass habe ich passiert. Yeah! Ach du Scheiße. Wer hat die Sicht verstellt. 50m Sicht? In der Abfahrt? Vom Jaufenpass? Der Jaufenpass, der in der Abfahrt nach St. Leonhard Längsrillen hat? Der Jaufenpass, der beschissenen Belag hat? Ja.
sportograf-53762836Die Finger an die Bremse. Vergiss die 10h, vergiss die 11h. Ist mir egal. Wenn ich ankomme, in einem Stück, bin ich sehr gut. Vereinzelt schießen Fahrer an mir vorbei. Haben die bessere Augen als ich oder weshalb fahren die so schnell? Die Antwort bleibt aus. Einige Asphaltstellen sind ausgebessert. Der neue Belag lässt mich allerdings auch nicht schneller fahren, habe ich die Hosen voll. Er sieht so glitschig aus. Hier will ich mich nicht hinlegen. Du hast Frau und Kinder. Unfug. Die Hände bleiben an den Bremsen. Nicht umsonst hast du gestern noch die Beläge gewechselt. Muss sich ja gelohnt haben. Allmählich wird es trockener. Die Sicht wird besser. Die Temperatur steigt. Ich muss mich also St. Leonhard nähern. Es war schon immer der wärmste Ort beim Ötztaler Radmarathon und er ist es auch heute wieder. Die 18°C-Marke ist erreicht. Rein in den Kreisverkehr und direkt wieder raus. Links den Brückenwirt liegen lassen, bei dem wir gestern noch die Henkerspizza gegessen haben. Rein in den Anstieg zum Timmelsjoch.

sportograf-53690461Ich mag es, das Timmelsjoch. Schon allein der Anblick ist majestätisch. Das setzt voraus, dass man es überhaupt sieht. Heute ist das etwas schwierig. Die Wolken hängen recht tief. Ich sehe einen alten Bekannten, den Ingolf. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich begrüße Ingolf mit den Worten „Ingolf, wolltest du nicht in den Brückenwirt einkehren?“ und er schmettert mir sichtlich überrascht „Was machst du hinter mir?“ zurück. Das muss ich erst einmal verdauen. Verarbeiten, dass er womöglich tatsächlich glaubte, dass ich vor ihm fahren würde. Ich mache einen schnellen Haken an die Sache. Mehr oder weniger entspannt pedaliere ich mit meiner 39/28 neben ihn. Ingolf ist gezeichnet. Er wirkt erschöpft. Er weiß grob, was ihn erwartet. Schließlich sind wir gestern diesen Teil mit dem Auto gefahren. Nur war das irgendwie entspannter. Die Sub10 habe ich vor einiger Zeit abgeschrieben. Die Sub11… muss ich mal nachdenken. Wenn ich jetzt durchstarte mit einer 39/26, dann bestünde die theoretische Eventualität, dass… vergiss es. Das Timmelsjoch steht in den Wolken. Es beginnt soeben zu regnen. Die Straßen sind mindestens feucht. Was glaubst du eigentlich, wie es auf der anderen Seite aussieht? Hast du die Wettervorhersage schon vergessen? Die Abfahrt wird kein Zuckerschlecken. Und so mache ich einen Haken an die Sub11 und widme mich Ingolf. Er klagt mir ein wenig sein Leid. Er versteht gar nicht, was er eigentlich hier macht. Was mache ich jetzt? Sage ich ihm, dass das realistisch betrachtet keiner der 4.000 anderen Bekloppten weiß? Eine andere Option fällt mir gerade leider nicht ein. Ich berichte ihm unverblümt meine Meinung, während wir wie zwei nasse Pudel auf den Böcken hocheiern. Da ist auch schon die Mauer. Moos ist erreicht. Ab hier wird’s haarig. Zumindest steil. Wir schrauben uns so nach und nach hoch. Die Labe Schönau liegt bei KM 19. Vom jetzigen Standpunkt aus also noch 11 km. In dem Tempo also eine gute Stunde. Ich hatte auch schon mal bessere Zeiten. Hinter uns wird’s laut. Offensichtlich ist da einer quer über die Straße gefahren. Das nächste Mal sollte er den rückwärtigen Verkehr berücksichtigen – Pfeife. Entschuldigt sich tausendmal. Was knackt hier eigentlich so penetrant? Ingolf? Ich? Fehlanzeige. Or nee. Sag nicht, der Typ da!? Doch. Wenn mir etwas tierisch auf die Kette geht, sind es knackende, quietschende, knarzende oder anderweitig geräuschverursachende Räder. Da steigt der Puls. Das kann ich jetzt nicht gebrauchen. Die Option schneller zu fahren, verlege ich. Die Option ihn zu bitten schneller zu fahren… verlege ich auch. Er ist kräftig gebaut, da ziehe ich den Kürzeren. Ich halte es aus. Sind ja nur noch 6 km bis zur Labe. Der Regen wird stärker. So langsam suppt die Brühe durch die dünne Regenjacke. Ich habe Ingolf verloren. Ein längerer Blick und ich sehe ihn. Ich werde langsamer und warte auf ihn. Scheiß auf die Zeit. Mindestens bis Schönau. Wenn er das gepackt hat, packt er auch den Rest. Seiner Meinung nach soll ich ruhig fahren. Er glaubt wohl, dass es mir wesentlich besser geht als ihm!? Irrtum, ich merk nur nix mehr 😀 . Die Feuchtigkeit… nein, die Nässe tut meinem Sitzapparat nicht gut. Es zwickt und zwackt immer mehr. Muss ja nur noch 2 h aushalten. Es gibt schlimmeres, z.B. 3 h oder 4 h. Es wird flacher. Die Labe ist also in wenige Umdrehungen erreicht. Wir fliegen mit gigantischen 20 km/h ein. Die Beine sind etwas lockerer geworden auf den letzten Flachkilometern. Das Rad hängt im Halter. Was esse ich jetzt am besten? Meine Flasche wird mir aufgefüllt. Eine reicht, danke. Eine zweite ist nur unnötiges Gewicht. Das muss ich doch alles mit hochschleppen. Robin hatte gestern etwas von Orangen und Salz erzählt. Klingt in der Tat merkwürdig. Ich suche trotzdem Orangen und Salz. Die Blicke um mich sind verwirrend. Vermutlich denken sie sich „Was macht der Typ da?“. Ich streue nur Salz auf meine Orangen. Ich sehe Ingolf und empfehle ihm das auch. Es kann ihm nicht schaden. Er zieht mit. Ich fühle mich nicht mehr als alleiniger Außenseiter. Soweit sind wir versorgt.sportograf-53730018
Es geht weiter. Wir rollen die letzten Meter bis zur Timmelsjochbrücke. Ich sage Ingolf, dass nicht warten werde. Es ist nass und oben wird es kalt sein. Da kann ich einfach nicht warten. Er wird das allein packen. Anstiege bis 8% kann ich noch gut wegkurbeln. Alles, was darüber ist, da muss ich echt mein Tempo fahren. Wobei es eher einem Schleichvorgang ähnelt. Wir trennen uns. Es geht los. WTF!? Der Typ schiebt seine Freundin? Hallo!? Hier sind… moment, ich muss schauen… 7% Steigung!? Hackt’s!? Ok, sie sind weg. Unglaublich. Es läuft gut. Ich überprüfe meine Vitalwerte. Passt das Gefühl zu den angezeigten Werten? Einigermaßen. Puls zwischen 160 und 170. Das ist schon viel. Ich bin langsamer als 2010 und 2011, aber der Puls ist 10 bis 15 Schläge höher. Gut, das Problem kann ich jetzt und hier nicht lösen. Ich fühle mich… gut. Es passt. Ich überhole sogar. Ab und zu kassiert mich wieder einer, damit hätte ich also auch die zweite Seite der Medaille entdeckt. Mir schießen die Emotionen durch den Körper. So ging es mir schon 2010. Es ist wie damals. Ein Déjà vu. Meine Frau. Was hat sie nicht alles möglich gemacht. Meine Kinder. Wie geil ist es, wenn sie mir die Radschuhe hinstellen „Papa Schuh“. Irgendwie wird mein Blick trüber. Am Wetter liegt’s nicht. Die Brille läuft auch nicht an. Or nee, ich Emotionsbombe bekomme Pippi in den Augen. Reiß dich zusammen. 45 U/min. Bewege ich mich überhaupt? 11%. Scheiß die Wand an. Langsam wird’s frisch. Die Anzeige wird wieder einstellig. Dafür steigt die Wassersäule. Naja, zum Glück werde ich nicht groß von unten nass. Bei dem Schneckentempo reicht es nicht mal, um das Wasser hochzureißen. Peinlich. Sieht hoffentlich keiner.
sportograf-53706978Nochmal durchfährt mich ein Emotionsruck. Wieder die Frau, die Kinder, die Freunde. Oh man. Jetzt lass das doch mal sein. Konzentriere dich auf den Weg! Die erste Trikotleine ist schon passiert. Die zweite dauert ziemlich lang. Das sind knapp 2 km bis dahin. Ab dann geht’s, eigentlich. 7 km/h. Kopf an Beine, bitte kommen. Was ist da los? Wieso geht das nicht schneller? An der dritten Trikotleine stoppe ich. Leck mich am Arsch, ich bin im Eimer. Ein Gel ziehe ich mir rein. Ich sehe niemanden bekannten. Weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Nur noch die eine Kehre, die mit der vierten Trikotleine und dann ist da schon der Tunnel. Ab dort sind’s läppige 3 km bis hoch. Flache Kilometer. Ich raff mich auf. Verwundert bin ich. Wieso rollt das jetzt? Ist doch genauso steil wie vorher!? Egal, ich genieße es. Kehre hinter mir gelassen. Den Tunnel im Blick. Yeah. Ab in den Tunnel. Ab durch die Mitte. Aus dem Tunnel raus. Was ist das? Steigung? Bei 2% nicht wirklich. Die Beine sind auch nicht kaputt. Es ist Wind. Na super. Was habe ich dich vermisst. Ab durch den Bogen aufm Timmelsjoch und hinab in die Abfahrt.

sportograf-53760336Doch halt. Erstmal geht mir ordentlich die Muffe. Die Straße ist patschnass. Die Reifen machen Spuren. Das Wasser steht auf der Straße. Also wieder dauerbremsen – du hast ja Familie! Bis zur ersten Kehre bin ich schon gekommen, super. Was wackelt hier eigentlich so? Ist mein Rad kaputt? Nee, wohl eher nicht. Das bin ich. Ich zittere. Ich zittere so dermaßen, dass ich mein Rad damit destabilisiere. Klasse. Das ist genau das, was du jetzt noch brauchst. Als ob es nicht schon schlimm genug ist. Muss ich jetzt auch noch frieren. Die Sicht ist schlecht bzw. nicht vorhanden. Irgendwelche Kühe säumen den Rand, niemand weiß, wann sie auf die Straße latschen. Jetzt ermecker das mal bei diesem Dreckswetter. Genau, jetzt sieh mal zu, wie du das machst. Ich bremse, fahre vorsichtig durch die *wusch*… schießt einer an mir in der Kurve vorbei. Ich weiß nicht, ob er noch Brot holen muss. Eine andere Erklärung habe ich für diese Fahrweise nicht. Die Blitzerstelle. Herrlich. Da fährst du bei Sonne doch sonst mit 90 durch oder so. Bremsem! Die Sicht ist nicht vorhanden. *blitz* Na immerhin über 60 km/h.
sportograf-53758451Der Gegenanstieg zum Windeck. Oder auch zur Mautstelle. 200 Hm. Eigentlich heißt es hier: auf dem großen Blatt reinhämmern und bis zur Krampfgrenze, erst dann nach und nach runterschalten. Heute rolle ich einfach hinein. Ich schalte auf das kleine Blatt. Wähle hinten irgendwas zwischen 20 und 28 aus. Für heute reicht das. Schneller kann ich eh nicht. Ich bin viel zu sehr mit frieren, zittern und Zähne klappern beschäftigt. Schlechte Energieeinteilung. Andere fahren neben mir. Der einzige Unterschied ist, dass diese nicht klappern. Klappern nicht, aber dafür piepst bei dem einen ständig das elektronische Gerät. Boah geht mir das auf die Eier. Wie kann man so fahren? Das kommt gleich nach knacken, knarzend und quietschend. Ist die gleiche Kategorie. Die Mautstation erscheint im Nebel. Wenn jetzt der Besenwagen käme und mir sagt, ich darf einsteigen, gelte trotzdem als Finisher… ich wäre eingestiegen. Die Chancen sind recht gering, dass einer kommt und mir das anbietet. Die Option mich am Imbiss aufzuwärmen zerschlägt sich auch, er hat geschlossen. Schöne Scheiße. Klatschnass bin ich. Wenn ich noch 36°C Körpertemperatur habe, bin ich gut. Weshalb frieren die anderen nicht? Achja, die haben alle mehr Fett als ich. Genau. Das muss es sein.
sportograf-53704321Und schon rolle ich Richtung Hochgurgl und Obergurgl. Immer schön Bremsen. Nur nicht zu schnell werden, dann beginnst du wieder zu zittern, die Zähne klappern, das Rad wird instabil. Ein Teufelskreis. Ich habe keinerlei Ambitionen mich auf den letzten Kilometern noch auf die Fresse zu legen. Absolut keine Ambitionen. Aus den Kehren bin ich raus. Das habe ich überstanden. Jetzt nur noch bisl runter und ein paar Kurven. Das kann so schwer nicht sein. Kaputte schießen an mir vorbei. Ich muss gestehen, ich bin sehr langsam, etwas mehr als 30 km/h. Vermutlich fahren sie auf der Geraden nur 60 km/h – wie ich in den vergangenen Jahren auch. Nur heute nicht. Mir ist schrecklich kalt. Ich erreiche die Galerien. Ein paar andere überholen mich und setzen sich vor mich. Ich nutze die Chance. Der Windschatten ist gut. Das Tempo ist mir egal, mir geht es schlichtweg um die Vermeidung von Wind, der mich klappern lässt. Die Kehren von Zwieselstein. Gleich ist’s vorbei. *wusch* Es schießt einer an mir vorbei. Auf dem Oberrohr hockend. Klar. Auf den letzten 3 km kann man schon noch das rausholen, was man in 90 km Anstieg verrissen hat. Da ist sie, die letzte echte Kehre. Sieht nicht gut aus. Da liegt einer blutüberströmt vor der Mauer. Ein Organisationsauto ist vor Ort. Erste Hilfe wird geleistet. Man man man. Da fährt man 230 km, um dann in der letzten Kehre den Abflug zu machen? Nee, das kann’s nicht sein. Ich bremse. Heute lieber einmal mehr, als einmal zu wenig.

Ich fahre nach Sölden rein. Die Hauptstraße entlang. Ich zittere. Ich klappere. Ich kann nicht lächeln. Noch 1.000 m. Die packst du jetzt auch noch. Und wenn du läufst. Nein, quatsch. Gelaufen wird nicht. Abbiegen auf die Zielgerade. Herrlich. Naja… so bisl herrlich nur. So richtig freue ich mich nicht. Ich freue mich, dass es gleich die heiße Dusche gibt. Ich habe noch nicht einmal auf die Zeit geschaut. Ich steige ab und begebe mich zum Verpflegungsstand. Eine warme Decke bekomme ich nicht. Vermutlich sehe ich nicht bedürftig genug aus. Oder ich sehe so schlimm aus, dass man glaubt, die Decke würde mir auch nicht mehr helfen. Egal. Ich bekomme einen Tee gereicht. Er fällt mir durch die Hand. Greif doch mal zu! Ich bekomme einen zweiten Becher mit Tee. Schön warm ist er. Was machst du? Du verschüttest doch alles – pass doch mal auf. Ich zittere so stark, dass ich bereits den Becher halb leer habe ohne, dass ich etwas getrunken habe. It’s magic.
Nach kurzer Pause rolle ich zur Unterkunft und genieße die Dusche. Robin empfängt mich, er bringt mein Rad weg. Robin ist schon seit gut einer Stunde da. Ich habe 11h13min benötigt. Keine Glanzleistung. Mit den Rahmenbedingungen (Training, Wetter) für mich persönlich ein gutes Ergebnis. Ingolf folgt knapp 8 Minuten nach mir. Wir drei sind unfallfrei angekommen – Chapeau Männer!

2 Kommentare

  1. Markus

    Du hattest DryFluid dabei? Fck. Meins lag in Norwegen. So ist das immer mit Sachen die man nur selten braucht: wenn man sie braucht hat man sie nicht dabei.

    Toller Bericht, hab soviel wiedererkannt. Bis auf den Regen, der kam bei mir deutlich später. Schön das du zufrieden bist, das ist das wichtigste. Im übrigen waren die Laben genau an den Stellen wie 2013, wobei mir der Weg bis zur ersten am Timmelsjoch dieses Jahr länger vor kam.

    Und, 2015 wieder dabei?

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    1. Martin (Beitrag Autor)

      Markus, ich hatte DryFluid einen Tag vorher in der Post 😉 . Hättest du mal gefragt, es war alles da.
      Wenn ich schneller wäre, wäre mir auch der Regen erspart geblieben. Irgendwann werde ich die Sub10 schaffen. Nur nächstes Jahr definitiv nicht, denn da warten andere Aufgaben auf mich, die viel Zeit benötigen.
      Bevor einer fragt: nein, wir werden nicht mehr 😀 .

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