4. Tharandter Fahrrad XXL „ERZtaler“ Marathon

Wir frösteln direkt unter der dänischen Flagge (C) Radteam Tharandter Wald

… und plötzlich… ach was… ich fang mal vorn an. Ich weiß gar nicht, ob der Kollege mich oder ich ihn gefragt habe. Jedenfalls hatte ich bis vor wenigen Tagen gerade so meine ersten 1.000km zusammen und auch im vergangenen Jahr sind wir den 200km-Marathon zusammen gefahren. Also warum nicht auch dieses Jahr? Die Organisatoren haben nun dieses Jahr noch einen draufgesetzt und boten 230km mit 3.300Hm an. Meine Frage war eigentlich recht überflüssig, ich stellte sie dennoch und bekam die erwartete Antwort: 230, was denn sonst?

Wir warteten den Wetterbericht ab und schließlich organisierte ich am Freitag die Startnummern 124 und 125. Am Samstagmorgen, um 04:35 Uhr erwachte ich zum Leben – mehr oder weniger. Geübt durch die nächtlichen Versorgungen unserer beiden Nachwuchsfahrer, fiel mir das gar nicht so schwer – Übung macht den Meister. Pünktlich war ich auf der Parkplatzwiese vor Ort und mein Kollege traf sogleich neben mir ein. 07:00 Uhr soll Start sein – eine halbe Stunde später als vergangenes Jahr.

Wir packten alles. Wobei das ja nicht so viel war. Die Frage war eher: was macht das Wetter? Es waren stolze 9°C. Es sollte ja noch ein paar Meter hinauf gehen und über den Tag hinweg ziemlich bewölkt bleiben. Also Knielinge, Armlinge und Windweste sollten reichen. Dazu zwei Paar Socken – besser ist das, aber soviel vorweg: gereicht hat’s nicht. Die Veranstaltung sollte sich zu meiner Vergesslichkeitsveranstaltung entwickeln. Nachdem ich im vergangenen Jahr einfach meine Handschuhe im Auto habe liegen lassen, musste ich dieses Mal trotz akribischer Planung feststellen, dass ich mein Kopftuch auf dem Wäscheständer habe hängen lassen. Blöd. Egal, musste ich nun durch und es ging an den Start.

Am Start umgeschaut, zählte ich höchstens 30 Fahrer. Einige gekleidet wie wir, einige kurz und einigen hätte man zugetraut, dass sie in den Skiurlaub radeln wollen. Punkt 07:00 Uhr der Start. Eine herrliche Geräuschkulisse, wenn die Pedalplatten im Pedal einrasten. Wir frösteln direkt unter der dänischen Flagge (C) Radteam Tharandter WaldWir rollten los. Nach den ersten Kilometern war die Spitzengruppe auch schon weg – in der befand ich mich natürlich nicht. Regelmäßig gab es einen Führungswechsel. Was mich dabei aber immer wieder besonders ärgert ist, dass die zweite Reihe nicht einfach weiterfährt. Nein. Sie muss (warum auch immer) das Tempo verschärfen. Dabei reißt sie das Feld schön auseinander und der Sinn einer Gruppe ist damit im Prinzip hinüber. Jeder ist damit beschäftigt mit kurzen Antritten seine Lücke zuzufahren. Kaum ist die letzte Lücke zu, ist der nächste Führungswechsel und das Spiel beginnt von vorn. Dabei geht es hier um kein Rennen. Es gibt keine offiziellen Zeitnahme o.ä. – weshalb macht man sowas also?

Der erste Kontrollpunkte wurde nach knapp 1h passiert. Gerade einmal 30km waren auf der Uhr, die Fußspitzen kalt und es hatte nur noch 7°C. Wir fuhren von Frauenstein entlang der tschechischen Grenze bis Moldau. Ja, die Temperatur von bis zu 5°C machte mir zu schaffen. Die Füße waren nicht mehr da. Zudem fühlte ich bereits jetzt, dass ich nicht gut unterwegs bin. An jeder kleinen Steigung ließ ich abreißen. Mein Kollege war wesentlich besser drauf. Trotzdem wartete er immer wieder auf mich und zog mich. Und das bereits nach 40km. Da wurde mir schon ein wenig anders.

Die Abfahrt ins Böhmische Becken war bedingt durch erst kürzlich beendete Straßenausbesserungsarbeiten und Split heikel. Holzauge, sei wachsam. Wir sind alle gut durchgekommen bzw. unten angekommen. Am Beckenrand rollte es Richtung Mückentürmchen. Ab und zu ein stärkerer Wind. Ich hielt mich im Hintergrund, ich konnte meine wenigen Körner nicht verpulvern. Ist mir unangenehm, einfach nur der Nutznießer gewesen zu sein.

Angekommen am Fuße des Aufstiegs zum Mückentürmchen. Die Sonne veralberte uns nur. Sie kam mal kurz raus, nur so, dass sie überhaupt mal da war und zack… wieder weg. Knapp 6km sollte es hinauf gehen. Steigungen zwischen 5 und 16% (hat zumindest der Rox gemeint), aber an sich ziemlich gleichmäßig. Ich glaube es war die erste Kurve. Ja, die muss es gewesen sein. An dieser verlor ich den Blickkontakt zum Kollegen. Der Kollege war schon etwas eher oben... (C) Radteam Tharandter WaldEs sah aus, als würde er hinaufrollen und hätte das Prinzip der Schwerkraft nicht verstanden bzw. diese einfach außer Gefecht gesetzt. Der Anstieg gefällt mir. Auch der Blick ins Böhmische Becken war hervorragend. Diesen konnte man oben am Kontrollpunkt noch einmal kurz genießen, bevor es auf dem Kamm weiter Richtung Zinnwald und Grenzübergang ging. Leicht verzögert, aber immerhin oben. (C) Radteam Tharandter WaldDer Kamm bot Wind und Kälte. Wieder brach ich an jedem kleinen Hügelchen ein. Schlimm.

Zinnwald passierten wir im Sturm, rollten rüber und runter nach Schmiedeberg zum Kontrollpunkt – den wir an diesem Tage noch einmal sehen sollten (sofern man nicht abbricht). Von Schmiedeberg aus sollte es gleich gute 3km mit 6 bis 14% hinaufgehen. Das ging noch ganz gut. Von da aus ging es über die ganzen kleinen Städtchen, Dörfer bis nach Dresden. Wir verließen dieses auch gleich wieder über Nebenstraßen und steuerten das Müglitztal an. Das Müglitztal bot neben einem weiteren Kontrollpunkt und 40km mit gut 700Hm auch noch etwas ganz persönliches: meinen Tiefstpunkt.

Ich ließ die Gruppe fahren und entschied mich allein hinauf zu rollern. Ich werde schon irgendwie ankommen oder eben auch nicht. In Gedanken überlegte ich, wie ich am schnellsten wieder nach Hartha, zum Ausgangspunkt käme. Zum Glück kam der Kontrollpunkt, an dem mein Kollege auf mich wartete. Wir fuhren gemeinsam weiter. Nicht lange sollte es dauern, bis sich eine Gruppe gebildet hatte und ich diese auch ziehen ließ. In Glashütte schaute mein Kollege sich um… abgeschlagen weit hinten sah er mich. Ich nehme an, ich sah aus wie ein Häufchen Elend. Ich sagte ihm, dass er nicht mehr auf mich warten müsse, er soll fahren (er war einfach so super drauf). Er verneinte und meinte „Hier geht’s um nichts, wir fahren zusammen!“. Ich konnte glaube noch nicht mal „Danke.“ sagen. Zu diesem Zeitpunkt waren „erst“ gute 160km hinter uns. Ich weiß nicht, was los war. Ich hatte keine Krämpfe o.ä. – es waren einfach keine Körner da, keine Kraft. Komisches Gefühl immer weiter das Tempo reduzieren zu müssen. Nur noch 20-25km/h – das kratzt wahrlich am Ego.

Irgendwann kam ich dann auch zum zweiten Male in Zinnwald an. Die Körner waren immer noch nicht so richtig da. Es fehlte die Kraft und das Gefühl auf dem Pedal. Sowas hatte ich noch nicht erlebt und es nagte stark an mir – zumal ich mir doch sehr stark wie die schleifende Bremse vorkam. Jedenfalls ging es erneut mit meiner persönlichen Zugmaschine auf bekannter Strecke zum zweiten Mal zum Kontrollpunkt nach Schmiedeberg. Dort wurde dann auch der Wind wieder stärker. Apropos stärker: an diesem letzten Kontrollpunkt, ca. 30km vor dem Schluss, traute ich mich dann doch einmal an die angebotene Verpflegung. Der Kuchen war lecker – muss ich schon sagen. Ich hatte aber auch ein klein wenig Bammel, dass sich mein Magen dazu anders äußert. Nach einer kleinen Stärkung ging es im Eiltempo Richtung Start und Ziel. Ich fragte mich die ganze Zeit, wo mein Kollege diese Kraft und Kondition her nimmt. Schade, dass er dieses Jahr keinen Startplatz in Sölden erhalten hat – ich glaube, er hätte dieses Jahr die besten Voraussetzungen um mich zu überholen.

Irgendwann kamen wir dann auch in Tharandt an. Jetzt stand noch ein kleiner „Anstieg“ bevor. Nachdem die letzten Kilometer dann auch überwunden waren, konnten wir gerade noch so durch das Ziel fahren, denn die Veranstalter hatten bereits mit dem Abbau begonnen. Da hatten wir aber Glück, dass wir wenigstens noch in Würde die ganze Sache abschließen konnten.

Was war das Ende vom Lied?
Ich bin angekommen. Ich bin aber auch nur angekommen, weil der Kollege da war. 1.500km mit knapp über 11.000Hm als „Vorbereitung“ – nunja… scheint nicht nur zu wenig, ist es in meinen Augen auch. Ich war noch nie so nah am Abbruch bzw. an der Aufgabe gewesen wie an diesem Tag, habe es am Ende aber doch irgendwie gepackt.

Heute, zwei Tage danach, kann ich sagen, dass ich noch nicht einmal Muskelkater hatte. Es fehlten schlichtweg die Körner.

Zum Schluss möchte ich auf die sehr gute Organisation hinweisen. An jeder erdenklichen Ecke waren die Strecken entsprechend ausgeschildert – ein Verfahren war nicht möglich. Das haben sie wirklich einwandfrei gemacht. Die Versorgung an den Kontrollpunkten war ebenfalls sehr gut.Harte Auflagen für die Veranstalter. (C) Radteam Tharandter Wald Ok, beim letzten Anlauf von Schmiedeberg gab es keine Cola mehr, aber das schmälert die Qualität der Veranstaltung keinesfalls. Gut fand ich auch, dass der Start um eine halbe Stunde auf 07:00 Uhr verschoben wurde. Wenn ich bei dieser Tour nicht so sehr gelitten hätte, würde ich direkt sagen „Bis zum nächsten Jahr!“ Es ist auf alle Fälle eine Empfehlung, zumal es danach in kleinem gemütlichen Rahmen noch eine Bratwurst, Steak und Bier usw. gibt.

3 Kommentare

  1. Christian

    Super spannender Bericht.
    Abgefahrene Tour, da kann man nur sagen: Chapeau!
    Glückwunsch zu dieser Leistung, quasi mit leerem Tank bis ans Ende zu fahren.

    Wenn ich grad an die Tour vor ein paar Wochen denke, wo ich im Alleingang nach Altenberg hoch bin, und auf der Rückfahrt quasi fast vom Rad gekippt wäre, und das waren dann gradmal 100Km, also da hab ich doch noch eine Scheibe mehr Respekt!

    Viel Spaß bei der kurzen Runde am Mittwoch 😉
    Beste Grüße,
    Christian

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  2. marf05 (Beitrag Autor)

    Das werde ich wohl auch so schnell nicht wiederholen 😉 .

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  3. bbbaschtl

    Respekt, an diese Strecke hätte ich mich mit 1.000km nicht gewagt… 🙂

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