29. Heidenauer RTF

Und in diesem Jahr war ich nun endlich auch dabei. Letztes Jahr wollte ich, war auch mit einem Kollegen verabredet, aber als er einen Tag vorher absagte, konnte ich mich nicht überreden allein so extrem zeitig aufzustehen. Start sollte dieses Jahr wieder in Heidenau am Pestalozzi-Gymnasium sein. Es sollte keinen Massenstart geben, sondern ein Startfenster von 9 bis 11 Uhr. Die Anmeldung war nur am Tag der Veranstaltung ab 8 Uhr möglich.

Verabredet war ich erneut mit dem Kollegen. Meiner Aussage, dass ich gegen 8 Uhr da bin, konnte ich bis auf 37 Minuten Verspätung gerecht werden. Ich kam gerade von der Startunterlagenausgabe, bei der ich lediglich 7 € für die 160er Strecke berappen musste, stiefelte zu meinem Rad und erspähte auch meinen Kollegen. Ich winkte ihm fröhlich zu, machte ihm klar, dass ich nur mein Rad hole und mir die Nummer am Rücken anbringen werde. Start sollte ja ab 9 Uhr sein und es waren noch gute 8 Minuten Zeit. Doch was passierte? Plötzlich setzten sich quasi alle in Bewegung!? In dieser Situation war ich in meinem noch anhaltenden morgendlichen Schlafzustand leicht überfordert. Die Feinmotorik war auch noch nicht auf der Höhe, so dass ich bereits am Öffnen der Sicherheitsnadeln scheiterte… eine Entscheidung musste her. Die Entscheidung war schnell gefunden und einfach: Sicherheitsnadeln fallen lassen, Startnummer falten und einstecken und losfahren 😀 . Gedacht und gemacht.

Meinen Kollegen hatte ich natürlich nicht wieder gesehen und das Vorhaben ihm nach vorn zu folgen, hätte nur schief gehen können. Mir war klar, dass er in der Spitzengruppe mitfahren würde. Hinzu kam, dass wir an roten Ampeln auch anhalten mussten, denn die Strecke war nicht gesichert. Ab und zu entschied ich mich dennoch bei rot zu fahren, da ich einfach nur unheimlich Schiss habe, dass hinter mir einer mein Bremsen nicht mitbekommt und mich Leichtgewicht einfach niedermetzelt.

Es war frisch, aber die Sonne kitzelte mit ihren wenigen Strahlen ab und zu. Unangenehm war der Wind. Egal wie wir fuhren, es war gefühlt immer Gegenwind. Ich war auf der Suche nach einer angenehmen Gruppe. Doch irgendwie wollte es mir nicht gelingen. Kaum fand man einen, bei dem man dachte „jo… das könnte passen“ entschied sich dieser wenige Sekunden später „davon“ zu fahren, d.h. 20m vor mir zu fahren. Jetzt hätte man die Lücke zufahren können, aber ich wusste ja, dass es 150km und knapp 2.000Hm sein würden – weshalb also bereits früh morgens im Wind tot fahren? Andere schlossen sich mir an… und waren dann aber auch der Meinung, ich sei zu langsam. Genau, erst lutschen und dann abdampfen… Und ganz andere waren einfach zu schnell für mich. So entschloss ich für mich Folgendes: ich fahre die 150km allein. Vom Kopf her stellte ich mich darauf ein, mit dem Wind im Hinterkopf und der zunehmenden Frische, da die Sonne immer seltener zu sehen war.

Ratzfatz war Bad Schandau erreicht. Kilometertechnisch ungefähr die Hälfte. Höhenmäßig wurde es ab hier nochmal einen Zacken schärfer. Und ich merkte, dass es nicht besonders clever war, in den drei Wochen zwischen dem Ötztaler und dieser RTF nur 3h auf dem Bock verbracht zu haben (aber es ging nicht anders).

Landschaftlich eine sehr eindrucksvolle Strecke, wie ich finde. Die Route wurde, wo es möglich war, über Nebenstraßen geführt. Aber auch asphaltierte Wald- und Wirtschaftswege waren im Angebot. So konnte man vollkommen entspannt (sofern es die Steigung zuließ) durch den ruhigen Wald, entlang eines Baches, rollern.

Ab ca. Kilometer 105 war ich wieder allein auf weiter Flur. Es schien, als sei ich der einzige bzw. der letzte Teilnehmer der 160er Strecke. Mir wurde ein wenig unwohl und ich stellte mir die Frage „Verdammt… wie langsam bist du denn heute eigentlich?“. Ich hielt mal an und verdrückte meine Banane. Und da tauchten plötzlich vier Leute auf. Meine Chance, dachte ich, denn sie würden mich gleich haben. Denkste… das dauerte noch viele Kilometer, bis sie mich endlich hatten. Dabei bin ich schon langsamer geworden, damit sie mich endlich kassieren… naja. Als es dann endlich soweit war, stellte ich fest, dass es nur noch drei Leute waren und zwei von Ihnen eine Alterssumme von knapp 135 Jahren haben mussten. Später stellte sich heraus, dass sie am Berg sehr langsam wurden und nicht im Wind fahren konnten. Egal… mir war wichtig, dass ich nicht mehr allein unterwegs bin.

Am höchsten Punkt der Tour startete die Gruppe wieder gemeinsam mit dem ein oder anderen Fahrer mehr im Schlepptau. Sehr schön. Wir rollerten schön dahin. Der Wind wehte um die Nase… herrlich. Als wir die Autobahn überquerten dachte ich mir so „wie bunt sehen wir wohl aus und wie cool fand ich das immer, wenn ich solche Leute als kleiner Junge gesehen habe“. Meine Beine wurden schwer… nein… falsch… meine Stampfer machten zu. Ich merkte das schon nach Breitenau hoch. Im Sitzen drohten die Waden dicht zu machen. Also raus aus dem Sattel, wobei dann allerdings die Oberschenkel drohten dicht zu machen und mir dies mit aller Deutlichkeit zu verstehen gaben. Die „Abfahrt“ hatte ein klein wenig Lockerung gebracht. Ich fuhr ganz hinten. Der Fahrer vorn war für meine Begriffe viel zu lange im Wind. Ich entschloss mich vorzufahren und löste ihn ab. Kaum im Wind meldeten sich die Stampfer. Denen habe ich aber diesmal mit aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben, dass sie jetzt einfach mal die Klappe halten sollen. Solche Waschlappen aber auch – ehrlich. Es hat geklappt – man muss eben nur mal auf den Tisch hauen und klar machen, wer da die Hosen anhat 😉 .

Mit der Zeit ging es tatsächlich immer besser und ich konnte die Gruppe nach Heidenau zurück führen. Habe sogar darauf geachtet, dass niemand verloren geht – manchmal bin ich einfach ein Guter. Und so kam ich letztendlich nach 6h wieder in der Start/Ziel-Passage an und war sehr froh, mich in meinen Ledersessel mit Lenkrad setzen zu dürfen 🙂 .

Am Ende standen gut 2.300Hm auf 150km in 5h30min auf der Uhr.

Fazit

Gefühlt war es wesentlich anstrengender als der Ötztaler… aber die Gründe dafür sind mir inzwischen bekannt.

6 Kommentare

  1. Olli

    Hey Martin,

    es gefällt mir gut, wie Du mit Deinen Stampfern umgehst. Und trotz der Härte zeigst Du auch noch soziales Verhalten und lässt auch die langsameren Fahrer nicht abreißen.

    Sehr schön und weiter so! 🙂

    Olli

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  2. bbbaschtl

    Abgesehen von dem vorsätzlichen Überfahren der roten Ampeln ein schöner Bericht. 😉 Wusste gar nicht, dass jetzt schon RTFs zu Rennen ausarten…
    Dein Mitgefühl für die „alten Männer“ gefällt mir (als ebensolcher) auch sehr gut. 🙂

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  3. Christian

    Hach, wieder ein schöner Bericht.
    Zu schade, dass ich es erkältungsbedingt dieses Jahr SCHONWIEDER nicht geschafft habe…
    Hey ich hoffe wir schaffens noch auf eine kleine Ausrollrunde falls sich die Sonne nochmal blicken lässt…
    Gruß Christian

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  4. Martin (Beitrag Autor)

    @Olli: Danke 🙂 .

    @bbbaschtl: Ein Rennen war es noch nicht. Und die roten Ampeln, dass war einfach die Wahl des vermeindlich kleineren Übels, d.h. die Option des geringeren Risikos zu Fall zu kommen. Ich gebe dir dennoch Recht: sowas macht man nicht.

    @Christian: Wenn’s am Montag nicht regnet, dann gegen 17 Uhr ab Büro 😉 .

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  5. Landschaftsflitzer

    Hallo Martin,

    du schreibst wirklich sehr schön (habe alles mal gelesen).
    Ich habe großen Respekt vor deiner Leistung. Ich fange erst an mit dem Rennradtraining und kombiniere es mit dem Laufen. Mal sehen ob ich in zwei Jahren auch in der Lage sein werde so eine Leistung in den Asphalt zu brennen.

    Gruß LF

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  6. Pingback: 2010 war ein sportlich erfolgreiches Jahr | Rennrad Tischtennis Laufen und anderes

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