Hier hast du deinen Traum

Eins gleich zu Beginn: das Gefühl, die Emotionen, die Schmerzen… die der Ötztaler verursacht hat, kann ich nicht mit meinem Wortschatz nicht ausreichend beschreiben – aber ich möchte dennoch darüber berichten, denn es war einzigartig.

Die Tage vor dem Start habe ich im Prinzip nichts gemacht. Das Rad stand im Keller und ich wurde durch die viele Zeit immer nachdenklicher. Zwangsläufig fing die Rechnerei an, wann ich wo sein müsste, um mein Ziel Sub11 zu erreichen. Schwachsinn, denn ich starte das erste Mal, kenne nur einen Teil der Strecke „persönlich“ und den anderen Teil nur von Erzählungen. Am Samstag der Kette den letzten Schliff gegeben und es ging gegen 22 Uhr ins Bett. Das Einschlafen dauerte ein wenig… ich drehte mich von links nach recht, von rechts nach links… und wieder zurück und im Hinterkopf immer die Gewissheit „Dieser kleine miese Wecker… der schrillt pünktlich um 4 Uhr!“.

Sonntag, wie erwartet pünktlich um 4 Uhr morg… mitten in der Nacht… schrillte dieser kleine miese Wecker. *Klatsch* – die Schlummertaste, mein bester Freund. Um 4:15 Uhr stand ich dann endlich auf. Der erste Blick ging aus dem Fenster. Was macht das Wetter? Nur keinen Schnee, Regen oder sonstwas… Es war dunkel. Ok, soweit erstmal gut. Die ersten Fahrzeuge waren schon unterwegs. Mein Kollege meinte dann zu mir, dass die Straße abzutrockenen schien. Ich war froh.

Nach dem Frühstück ging es ans Ankleiden. Hemd, Trikot, Armlinge, Knielinge, Buff fürs Köppl, lange Handschuh (die kurzen Handschuhe am Bauch verstaut), Windweste, Regenjacke und Schuhspitzen. Fertig. 5:30 Uhr rollten wir in der Dunkelheit zum Start. Ich hatte mir noch eine Trainingsjacke übergezogen, die mich ein wenig wärmer halten sollte. Es sind 4°C – im Kühlschrank ist es wärmer.

5:45 Uhr, wir rollten in den Startbereich. Was für ein Gefühl… so kurz bevor es ernst wird. Unheimlich… gespenstig… ich glaube, das trifft’s ganz gut. Gegen die Auskühlung hilft nur Zappeln, das hielt ich nicht lange durch, es war ja auch wenig Platz um mich. Die Stimmung um mich herum: verschlafen, wen wundert’s. Ich hatte vermutlich auch noch das Kopfkissen im Gesicht. Meine Kollegen meinten, man sieht mir die Anspannung an. Ja, ich war angespannt, galt es doch die selbst gesteckten Ziele zu erreichen.

Mit der Zeit wurde es auch in Sölden heller. Man erkannte, dass die umliegenden Berge leicht gepudert waren. Schnee. Ok, abwarten, schön aufpassen wie ein Luchs und lieber einen Gang zurückschalten – es geht im Prinzip um Nichts, außer um die Gesundheit. Die Leute wurde gesprächiger. Offensichtlich versuchten einige damit die Anspannung zu lösen. Bei mir keine Chance. Ich war mit Anspannung und Konzentration bis in die Haarspitzen bewaffnet.

6:25 Uhr, der innere Druck nahm zu… und ich suchte die Toilette auf 😀 . Um 6:30 Uhr starteten die 30 Classic-Fahrer. Man wünschte sich gegenseitig Glück, Erfolg und vor allem eine unfallfreie Fahrt.
6:45 Uhr folgte der Kanonenschlag, der Startschuss. Das Feld stand. 6:50 Uhr begannen wir uns in Bewegung zu setzen. Holzauge, sei wachsam. Einige eiern herum… pass auf… links… bremsen… ja… klappt… wir rollen durch Sölden. Die Zuschauer stehen am Rand und jubeln… dabei hat man noch nichts erreicht, außer gestartet zu sein – ich verstehe es noch nicht. Wir verlassen Sölden… es wird ruhig… bis auf das Surren der Ketten…

Die ersten Kilometer von Sölden hinunter nach Ötz

Die ersten Kilometer von Sölden hinunter nach Ötz (Foto: sportograf.com)

Kurz nach Sölden ein kleiner Tunnel, das Feld wird langsamer… nach dem Tunnel gab es bereits den ersten Unfall. Zwei Fahrer stehen quer mitten auf der Bahn… aufpassen… nimm dich zurück Martin… die Augen müssen überall sein. Vorbei… geschafft. Wir „rollern“ mit 40-70 km/h Richtung Ötz. In Längenfeld werden wir erneut von Zuschauern mit Rasseln, Klatzschen, Jubeln und was es nicht alles gibt begrüßt und auch gleich wieder verabschiedet. Diese Stimmung… ich kämpfe mit mir selbst… mit meinen Gefühlen und Emotionen. Es berührt mich, diese Stimmung. Zusammenreißen, die Augen sollten nicht feucht werden, nicht jetzt und nicht hier – zu gefährlich.

Es geht weiter im Tal nach Ötz. Kurz vorm Ortseingang die ersten Kehren. Kritisch… wie verhalte ich mich, wie verhalten sich die anderen. Übertreiben es einige, untertreibe ich? Rücksichtsvoll geht es durch. Der Kreisverkehr naht, der Abzweig zum Kühtai. Ich halte vorher an und enteldige mich meiner Regenjacke. Der Anstieg wird anstrengend, ich werde sicherlich warm laufen, Windweste und Armlinge müssen reichen. Alles verstaut und auf geht’s.

Ich rolle über die Matte am Fuße des Kühtai. Einige waren nicht so clever wie ich und beginnen nun sich ihrer Jacken im Anstieg zu entledigen. Es ist sehr eng, die Fahrer stehen teilweise einfach im Weg. Weider gilt es aufpassen… sei wachsam wie ein Luchs. Es rollt. Da bin ich nun… im ersten Anstieg… von vier… noch ca. 200km vor mir, laut Planung noch maximal 10h Fahrzeit. Die Gedanken weichen, der Blick geht auf den Puls. Halte dich an den Puls. Fahr dich nicht tot. Knapp unterhalb der aeroben Schwelle ist die Ansage des inneren Tempomachers. Es gelingt einigermaßen. Ich fühle mich gut. Man sieht seine Atemluft. Die Luft ist kalt. Die Stimmen verstummen. Es atmet nur noch. Der eine mehr, der andere weniger.

Der Kühtaisattel... woher der Name wohl kommt

Der Kühtaisattel… woher der Name wohl kommt (Foto: sportograf.com)

Die Sonne kommt hervor. Sie blendet. Die Brille beginnt anzulaufen. Ich sehe nichts mehr, muss sie ein wenig vorrücken – da blendet aber die Sonne. Ein Teufelskreis. Der Kühtai macht seinem Namen alle Ehre: die ersten Kühe stehen am Rand. Oberhäuptling der fünf Kühe macht kräftig „Muuuuuuuhhhhhh“ – im Prinzip antwort jeder Fahrer mit einem kräftigen „Muuuhhh“ 😀 . Das war er, der Beweis: es handelt sich tatsächlich um über 4.000 Bekloppte, die sich früh morgens bei 4°C einen Berg hochquälen. Und ich mitten drin. Was für ein Gefühl.
Ich höre Musik. Wir kommen am Stausee vorbei. In der nächsten Kurve steht ein RedBull-Fahrzeug. Die Lautsprecher sind schlecht, aber der Takt ist super. Wie von allein fahren die Beine im Takt – herrlich. Dann das Schild „Willkommen im Kühtai“. Angekommen? Nein, denn nach der Kurve tut sich nochmals eine Gerade zu einer kleinen Wand auf. Zuschauer bevölkern den Straßenrand. Es wird laut… ich rolle über die Zeitmatte und die erste Labestation ist erreicht. Ich habe einen strickten Plan erhalten. Lediglich Wasser auffüllen. Eine Flasche leer, die zweite im Prinzip auch – alles im Plan, für mich schlechten Trinker (und das bei diesen eisigen Temperaturen).

Neben Kühen gibt's aber auch Pferde am Kühtai

Neben Kühen gibt’s aber auch Pferde am Kühtai (Foto: sportograf.com)

Auf geht’s in die Abfahrt nach Kematen. Lass es rollen, verpass den Anschluss nicht, aber nutze die Zeit zur Erholung. Iss! Alles erledigt. Knapp 30 Minuten später rollen wir aus der Abfahrt. Wieder Zuschauer am Rand… Die Sonne geht über Innsbruck auf… es scheint doch ein schöner Tag zu werden – zumindest, was das Wetter angeht. Den Rest… abwarten. Im Kreisverkehr geht’s weg nach Innsbruck. Ich habe eine große Gruppe. Gut für diese oft gegenwindlastige Strecke. Man wechselt sich ab. Und schon ist Innsbruck erreicht, wo es direkt zum Brenner geht.

Der Anfang ist mit das steilste Stück des Brenners. Die Gruppe rollt hinauf. Schienen… wir passieren sie… wir, d.h. die ersten 5-10 Leute der Gruppe. Dann kracht es. Keiner von uns schaut zurück. Nur gut, sonst hätten wir uns vermutlich auch noch hingelegt. Die Schienen stoppten also einige. Man wechselte sich wieder ab mit der Führungsarbeit. Das Tempo stieg an, die Sonne ebenfalls. Die Armlinge konnten runter, die Windweste geöffnet.
Mühlbachl, Matrei, Steinach… es war kurz vom Mittag. Die Anwohner waren unterwegs, die Touristen saßen in den Cafés. Und dann kamen wir und surrten an ihnen vorbei. Die Stimmung war genial – sehr beeindruckend. Immer wieder ein „Hopp, hopp, hopp!“… „Sehr gut… stark“… „Alléz alléz alléz“ – das geht runter wie Öl. Und da war er, der flachste „Gipfel“ der vier, der Brenner. Die Labestation glich einem Schlachtfeld… überall Bananenschalen, Becher, Müll… ich schnell an die Box, beiden Flaschen mit Wasser auffüllen, drei halbe Bananen greifen und weiter.
Italien… schön warm, war es, aber für die Abfahrt kamen die Armlinge hoch. Zwei Banane reingedrückt, die andere in die Trikottasche gedrü… zermatscht. Egal – der Wille zählt. Die Powerbar Riegel ließen sich schwer essen. Sie schienen kurz vom Gefrierpunkt zu sein – fuhr ich zu schnell? So hart habe ich sie noch nicht erlebt. Hinunter ging es nach Sterzing.

Perfektes Wetter - Glück gehabt, wie wir heute wissen

Perfektes Wetter – Glück gehabt, wie wir heute wissen (Foto: sportograf.com)

Lange Handschuhe in der Mittagszeit, ja das passt

Lange Handschuhe in der Mittagszeit, ja das passt (Foto: sportograf.com)

In Sterzing rechts weg… der Abzweig zum Jaufenpass. Die Armlinge gingen wieder runter. Es war… warm… angenehm warm. Die Beine funktinierten. Ich fühlte mich gut… richtig gut. Ich begann zu rechnen. 11h sollte machbar sein, realistische Einschätzung. Aber, Martin… du weißt nicht, wie es dir am Jaufenpass und dem 30km langen Timmelsjoch geht. Dran bleiben. Beißen. Kämpfen. Und so war ich im unteren Bereich des Jaufenpasses angekommen. Im Wald war es angenehm. Die Sonne brannte hier nicht, aber die Steigung begann sich in den Beinen bemerkbar zu machen. Immer wieder ging der Blick auf den Puls, die Atmung… das Tempo. Es ging… es war schwer, aber es ging. Da, ein Hirsch im Wald… haben wir ihn mit den surrenden Ketten verschreckt? Jedenfalls schien er zu flüchten… mit seinem imposanten Geweih.

Kauen kauen kauen!

Kauen kauen kauen! (Foto: sportograf.com)

Telefonisch wurde mitgeteilt, wo man auf der Radtour reingeraten war ;-)

Telefonisch wurde mitgeteilt, wo man auf der Radtour reingeraten war 😉 (Foto: sportograf.com)

Die Labestation am Jaufenpass: Anfahren am Berg und noch ca. 1.000m bis zur Passhöhe

Die Labestation am Jaufenpass: Anfahren am Berg und noch ca. 1.000m bis zur Passhöhe (Foto: sportograf.com)

Das Restaurant Jaufenhaus - aber keiner von uns kehrte ein

Das Restaurant Jaufenhaus – aber keiner von uns kehrte ein (Foto: sportograf.com)

Das Dörfchen Calice ist erreicht. Doch das Ende des Jaufenpasses noch lange nicht. Wieder ging es in den Wald… es wurde gefühlt steiler. Der kleine Hunger kam. Obwohl in jeder Abfahrt ein Riegel dran glauben musste und im Anstieg ein Gel kam. Jetzt anhalten? Der Wald öffnet sich, ich sehe die Labestation. Jetzt anhalten geht nicht. Ich komme hier nicht wieder los, ich verliere unnötig Zeit. Doch was war letztens mit dem Hungerast? Hat der dich nicht aus der Bahn geworfen? Ja, hat er… aber es muss jetzt so sein…

Die Labestation erreicht. Wasser nachfüllen, eine leichte Apfelschorle machen. Kurze Erholungspause gönnen. Mir reicht man eine Cola, die ich dankend annehme… leer. Man reicht mir ein RedBull… ich nehme es… überlege kurz… überlege länger… und stelle es bei Seite. Das könnte jetzt meinen Magen durcheinander bringen – Finger davon lassen. Nimm nur das, was du sonst auch kennst. Weiter geht’s. Anfahren im Anstieg kann schwer sein – vor mir stürzt bei diesem Versuch gleich einer… kippt einfach um. Ich bekomme es hin und rolle… mehr oder weniger. Die letzten Meter bis zur Passhöhe… herrlich… dieser Blick nach St. Leonhard runter. Man hat uns vor der Abfahrt gewarnt: Längsrillen, relativ schlechter Zustand der Straße. Ich werde von vielen überholt. Vor jeder Kurve der Schulterblick, ob da nicht noch einer kommt. Ich schließe mich zwei weiteren langsamen Abfahrern an. Wir rollen gemeinsam ins Tal… Höhenmeter für Höhenmeter. Die Längsrillen sind da… es rupft am Rad… vorn wie hinten… es war die richtige Entscheidung langsamer zu fahren – in erster Linie willst du ankommen. In der Abfahrt verlorene Zeit kannst… könntest du immer noch im nächsten Anstieg rausfahren.

Panorama am Jaufenpass

Panorama am Jaufenpass (Foto: sportograf.com)

Der höchste Punkt zum Jaufenpass

Der höchste Punkt zum Jaufenpass (Foto: sportograf.com)

Es wird wärmer, fast heiß. St. Leonhard ist bekannt für die doch recht hohen Temperaturen. Der Puls sinkt – fein. Nur zum Essen komme ich nicht wirklich. Zu riskant bei den Bedingungen. Verschieben wir die Energiegewinnung auf den nächsten Anstieg.

St. Leonhard, das Ende des Jaufenpasses… der Anfang vom Timmelsjoch. Die Rechnerei beginnt erneut. Für die Abfahrt vom Timmelsjoch rechne ich grob mit 30 Minuten, blieben für den Anstieg gute 2,5h. Nein… das kann nicht sein, oder? Schaff ich das? Wobei… das wäre für eine 10er Zeit. Die 11er scheint mir „relativ“ sicher – sofern keine Panne folgt, kein Sturz oder sonstwas. Aber die 10h-Marke… das wär’s doch. Jetzt will ich’s aber auch wissen. Zumal im Vorfeld doch relativ viele der Meinung waren, dass ich eine Sub10 schaffe – nur ich war anderer Meinung bzw. habe gezweifelt. Und schon war ich im Anstieg zum Timmelsjoch.

Ein Blitz im Tunnel - war ich erschrocken

Ein Blitz im Tunnel – war ich erschrocken (Foto: sportograf.com)

Gleich zu Beginn anhalten, die langen Handschuh gegen kurze tauschen und Nahrung aufnehmen. Weiter geht’s. Aus Erzählungen wusste ich, dass es sich bis Moos relativ gut fahren lässt, es dann jedoch eine Stufe härter wird. Einfahren in Moos, an der Mauer vorbei und da sind sie… die ersten Kehren, deren Anblick die Muskelfasern beeindruckt, was diese mit einem Zusammenziehen klar machen. Ich beginne ernsthaft zu schwitzen, entscheide mich jedoch alles so zu lassen, denn die Kälte wird kommen – bestimmt. Immer häufiger stehen Fahrer am Rand, erledigen ihre Geschäfte oder versuchen sich auch einfach zu erholen. Man rollt an den feinsten Rennmaterialien vorbei – es gibt so einige Hersteller, die es einfach verstehen ein hervorragendes Design zu zaubern: Pinarello zum Beispiel. So fuhr ich eine Weile hinter zwei älteren Herren her, die beide auf einem Pinarello Dogma 60.1 saßen, eins weiß/blau, das andere weiß/signalrot. Doch dann besann ich mich meiner Ziele und ich „stürme“ vorbei. Es ist soweit, ich bin besessen. Besessen von der Vorstellung anzukommen, die Sub11 zu packen und vielleicht sogar die Sub10. So schraube ich mich Kurve um Kurve, Höhenmeter um Höhenmeter nach oben, vorbei an fluchenden, hechelnden und auch wütenden Fahrern. Ich lasse mich nicht beirren. Der Blick immer wieder zum Puls, dem Tempo, der Zeit und der Steigung – nur nicht übertreiben, jetzt so kurz vorm Schluss… vorm Ziel… vorm Traum.

Die Labestation Schönau kommt bestimmt bald.

Die Labestation Schönau kommt bestimmt bald. (Foto: sportograf.com)

Hinter der Kurve erscheint die Labestation Schönau. Wie gewohnt ist das Ziel auch hier: Wasser und Bananen. In wenigen Minuten ist alles erledigt. Noch schnell ein kurzer Blick auf die andere Seite des Tales, wo sich das Timmelsjoch erhebt. Gigantisch, dieser Anblick. Doch noch bevor ich länger darauf schauen kann und womöglich noch Angst bekomme, rolle ich schon wieder. Ich überquere die Timmelsjochbrücke… ab hier wird’s nochmal hart… knackig hart… oder auch einfach nur steil. Jeder Meter tut weh. Die Waden zwicken, die Oberschenkel zwacken und der Nacken scheint angespannt. Der Kopf geht samt Blick nach unten… es gibt keinen Blick zur Seite oder nach oben, denn es gibt nur noch mich, mein Rad und den Asphalt. Im Kopf spielt sich ein Kopfkino ab. Es schießen mir Dinge durch den Kopf… ich denke an meine Trainingseinheiten… und lenken, die Kehre kommt… meine Eltern… meine Freunde… meine Trainingskollegen… gefolgt vom Griff zur Wasserflasche, nimm zwei drei Schluck… an all diejenigen, die in den letzten Monaten zurückstecken mussten, es einfach getan haben ohne zu meckern… und dennoch an mich geglaubt haben… mich unterstützt und bekräftigt haben… und wieder lenken, die Pedalerie arbeitet wie ein Uhrwerk… der Hubschrauber taucht auf, mein Blick löst sich vom Asphalt und ich erblicke neben dem Hubschrauber den wunderschönen Blick. Der Hubschrauber dreht ab und mein Blick geht wieder zum Asphalt. Das Kopfkino breche ich ab… meine Augen werden feucht – auch hier kann ich es nicht gebrauchen. Aber genau diese Gedanken aus dem Kopfkino sind es, die mich nun antreiben. Meter für Meter… Von der Timmelsjochbrücke sind es noch knapp 10km bis zur Passhöhe.

Im Hintergrund eine der vier Trikotleinen am Timmelsjoch

Im Hintergrund eine der vier Trikotleinen am Timmelsjoch (Foto: sportograf.com)

Ich kenne die Stelle, an denen die ersten Trikots auf der Leine kommen und da ist sie auch schon, die erste Leine von vier. Ein Ruck durchzieht meinen Körper. Ich fahre außen in den Kehren, wähle bewusst den längeren Weg um evtl. ein klein wenig verschaufen zu können, nur nicht zu viel drücken oder ziehen. Bald kommt die zweite Leine mit Trikots… allerdings zieht es sich… mit dem Auto war es schneller. Ich schalte zwei Gänge runter und gehe aus dem Sattel. Nur gut, dass ich nach unten schaue… so verbissen wie ich aussehen mag, sollte mich niemand sehen. Ich habe mich selbst noch nicht so erlebt. Ich weiß, dass ich kämpfen kann und ich weiß auch, dass ich ehrgeizig bin. Aber diese Kombination hier aus kalkuliertem Kampfgeist und Konzentration auf das Wesentliche… eine neue Erfahrung für mich. Ich setze mich wieder und schalte auf der 28er Pizzablech. Durchatmen. Der Rhythmus ist wieder da – es läuft. Die zweite Trikotleine passiere ich soeben. Auch hier stehen Zuschauer am Rand, vermutlich sind es Mitglieder der Teams anderer Fahrer. Es scheint sie aber nicht zu stören oder davon abzuhalten mich anzufeuern. Ich zeige darauf keine Reaktion, ich sauge lediglich die Motivation auf – das brauche ich und fühlt sich wie Super Plus an. Ich passiere noch die beiden verbleibenden Trikotleinen… mal im Sitzen, mal im Wiegetritt… mal ruhig atmend, mal ordentlich pumpend. Der Puls geht nicht mehr wirklich hoch – ist mein Herz am Ende? Dann heißt es jetzt zurückhalten. Gleich bist du oben… oben heißt auch fast am Ziel… also komm… quäl dich kontrolliert hoch.
Und da ist auch schon der Tunnel, in den ich einbiege. Ab hier sind es noch ca. 3 km, wenn ich mich nicht irre… es spielt keine Rolle. Symbolisch ist das Licht am Ende des 400m langen Tunnels. Die Öffnung wird größer… und die Welt hat mich wieder. Die letzten Meter geht es relativ flach auf die Passhöhe.

Die letzten Meter des Timmelsjoch schmerzen

Die letzten Meter des Timmelsjoch schmerzen (Foto: sportograf.com)

Das Timmelsjoch und ich... wir werden noch Freunde

Das Timmelsjoch und ich… wir werden noch Freunde (Foto: sportograf.com)

2.509m hoch, ca. 1.700Hm auf 31km: Timmelsjoch

2.509m hoch, ca. 1.700Hm auf 31km: Timmelsjoch (Foto: sportograf.com)

Am Timmelsjoch sitzt wohl eine Schulfreundin aus der 4. Klasse… Jahre ist es her… halte die Augen offen… Auf der Mauer sitzen Fans und feuern jeden an. Und siehe da, ich erspähe die Schulfreundin und winke ihr solange, bis ich ihrem Gesichtsausdruck entnehme, dass sie mich erkannt hat. Wie geil ist das denn? Ich muss erst den Ötztaler fahren, um sie nach 15 Jahren wieder zu sehen!? Verrückte Welt. Windweste zu, Armlinge hoch und ab in die Abfahrt. Aufpassen auf die Kühe, Schafe und Ziegen. Doch heute zum Glück nichts von all dem zu sehen… oder ich bin zu schnell. Es wird frisch… der Wind bläst ordentlich entgegen. Vermutlich heißt die Ecke kurz vorm Gegenanstieg zur Mautstation gerade deshalb Windeck… doch ich habe keine Zeit länger darüber nachzudenken. Die Zeit sitzt mir im Nacken. Die Sub11 habe ich, doch was macht die Sub10. Ich hämmere auf dem großen Blatt in den Gegenanstieg. Schalte Stück für Stück runter, sobald die Beine drohen komplett zu zumachen. Es ist irgendwie ein irres Gefühl bis an die Krampfgrenze zu fahren und sich so zu kontrollieren, dass es nicht zum Krampf kommt. Die Kraft lässt nach. Diese paar Höhenmeter sind wie Parasiten, die mir die letzten Kraftkörner rausziehen. Es schmerzt, es brennt… da sind meine Eltern im Kopfkino… und es rollt. An der Mautstation vorbei geht’s ins Tal. Bergab ist keine Erholung abgesagt. Es zählt die Zeit. In wenigen Minuten bin ich im Ziel, also gib alles. Der Wind ist fies, es ist hart. Wir sind zu viert und versuchen uns so gut es geht in der Führung abzuwechseln. Keiner von uns ist noch richtig fit – man sieht und spürt es. Die letzten Kehren der Abfahrt. Jetzt nur keinen Fehler machen, auf jeden Fall hochkonzentriert bis zum Ziel und auch noch nach der Ziellinie.
Dann kommen die allerletzten Höhenmeter für heute. Es sind vielleicht 20 oder 30, ich weiß es nicht… aber versuche die einfach wegzudrücken. Es gelingt, obgleich alle Muskeln melden, dass es nicht platt war. Zu zweit fliegen wir nach Sölden ein. Die Hauptstraße ist frei, Zuschauer links und rechts. Ich fahre nochmal vor, muss dann aber den Mitstreiter vorbei lassen – ich bin am Ende… körperlich, moralisch… einfach am Ende. Wir biegen rechts ab, über die Brücke und da ist es, das Ziel… der Zielbogen. Ich reiße verhalten meine Arme nach oben und freue mich… zumindest innerlich, denn äußerlich bin ich zu keiner Mimik oder Gestik im Stande. Der Moderator sagt etwas von „… 9h58min und damit unter 10 Stunden… hervorragend…“

Zielankunft, die Arme gingen noch nach oben

Zielankunft, die Arme gingen noch nach oben (Foto: sportograf.com)

Das Ziel: die Erleichterung sieht man mir an... teilweise ;-)

Das Ziel: die Erleichterung sieht man mir an… teilweise 😉 (Foto: sportograf.com)

Ich steige vom Rad, atme tief durch und nicke freundlich zum Bock, als ich es an die Hauswand stelle. Ich laufe… oder krauche… jedenfalls bewege ich mich zum Verpflegungsstand, an dem ich mich gleich mal mit der linken Hand fest verankert habe um mit der rechten ein Kuchenstück nach dem anderen einzuwerfen. Nach dem gefühlten 15. Stück hole ich den Bock und rolle heim.

Offiziell bestätigt wird mir eine Zeit von 10h4min. So geht dann ein Tag zu Ende, den ich auf keinen Fall vermissen möchte. Und bevor die Frage kommt, ob ich mir diese Qual noch einmal antun würde, möchte ich antworten mit: ich habe einen Traum. 😉

Nur zwei Tage später sah es in Obergurgl am Timmelsjoch so aus (man, hatten wir ein Glück mit dem Wetter):

Obergurgl am 31.08.2010

Obergurgl am 31.08.2010

15 Kommentare

  1. bbbaschtl

    Klasse Bericht und klasse Leistung. Hast alles richtig gemacht. Freu mich mit Dir. 🙂

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  2. Martin (Beitrag Autor)

    Du hast mich ja auch das ein oder andere Mal auf der Rolle begleitet, es war schon irgendwie manchmal ein sehr merkwürdiges Training 😉 .

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  3. erichvonallmen

    Wahnsinsbericht! Toll und Gratulation zu der Leistung.

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  4. Tine

    Toller Bericht! Super Leistung!

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  5. stega

    Toller Bericht, suuuper Leistung, Glückwunsch! 🙂 Das is ne Leistung…. hui. *Neid*

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  6. catapult22

    Respekt. Kannste stolz sein. Bin mit Deinem Bericht mitgefahren: #Kopfkino 😉

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  7. gpway

    Klasse Bericht, coole Bilder (am besten ist der mit dem Handy) und ein tolle Leistung..Gratulation und weiter so

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  8. Anne

    Ich fahr noch nicht mal Rad und fand den Bericht superspannend! Tolle Leistung!!!

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  9. Christian

    Ja dann auch hier nochmal herzlichen Glückwunsch zu der super Leistung.
    Sehr faszinierender, cooler Bericht, bekommt man echt Gänsehaut, auch ohne Bilder.
    Aber die haben im Nachgang nochmal eins draufgesetzt.
    Respekt!
    Und ich bleib bei meinem Statement etwas neidisch zu sein 😉
    Gruß, Christian

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  10. Gretel

    um es mal ganz profan auszudrücken „geil!“

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  11. Valérie

    Herzliche Gratulation! So ein Rennen braucht nicht nur starke Beine, sondern einen klaren Kopf und viel Wille. Wow, toller Bericht. Geniess Deinen persönlichen Erfolg!

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  12. Martin (Beitrag Autor)

    Vielen Dank euch allen!
    Ich werde eine ganze Weile von diesem Erlebnis zehren.
    Und der Arzt meinte: „Der Virus ist ausgebrochen. Ob Sie sich wehren oder nicht: 2011 droht Ihnen eine Fortsetzung.“ 😉

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  13. Christof

    Herzliche Gratulation zu Deiner grossartigen Leistung und Zeit. Wunderbarer Bericht voller Emotionen! Der Ötz ist der Traum jedes Rennrad Fahrers und Du hast Ihn verwirklicht. Geniesse das Erlebte und die Erinnerungen daran.

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  14. bianca hertlein

    großartig!!!
    🙂

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  15. Pingback: 2010 war ein sportlich erfolgreiches Jahr | Rennrad Tischtennis Laufen und anderes

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