Der Gletscher ruft

Als ich letztes Jahr das erste Mal in den Alpen war, wurde ich nach dem Timmelsjoch noch zum Rettenbachferner gejagt. Damals war für mich erstaunlich, dass ich das gemacht habe. Es war der Antrieb, der mich hochjagte. Der Antrieb wurde ausgelöst an der Mautstation. Hat man diese auf ca. 2.000m Höhe passiert, eröffnet sich der Blick zum Gletscher. Diesen hat man fortan vor Augen.

Gestern hatte ich nach 2 km abgebrochen, es schien mir ein wenig zu viel gewollt und die Woche wird noch hart genug. Und heute sollte das Wetter eigentlich zu 90% regnerisch sein. Aufgewacht gegen 8 Uhr und festgestellt „japp, der Wetterbericht stimmt“ und mich gleich wieder hingelegt – ich habe ja auch bisl Urlaub. So gegen 10 Uhr begann es sich aufzulockern und meine Stimmung stieg – vielleicht konnte ich ja heute doch noch eine Runde drehen. Über den Mittag hinweg wurde es zusehends besser. Ab und zu blieben ein paar dickere Wolken am gegenüberliegenden Berg hängen und dann waren sie aber auch weg. So kam es, dass ich dann 14 Uhr startete. Wohlwissend, dass sich das Wetter schlagartig ändern könne, habe ich mir die Knielinge und Armlinge eingepackt – die Windweste ist ja immer dabei.

So rollte ich die ersten 2,5km durch Sölden, zum Abzweig nach Hochsölden bzw. zum Rettenbachferner. Noch kurz vorm Abzweig geht es steil zu. Der Puls schnellte an die Grenze, die Steigung erreicht ihre 14% und dann endlich der Abzweig. Doch ausruhen ist nicht angesagt, hier geht es mit 10-12% gleich hart weiter. Nach bereits 2 km legte ich einen Zwischenstopp ein: „Was mache ich hier eigentlich?“ Es sind 25°C in der Sonne, die Bäume spenden nur gelegentlich Schatten, die Beine wundern sich, was das hier alles soll und ich rolle in den Anstieg? Naja… auf geht’s!
Am Abzweig nach Hochsölden überholen mich zwei andere Radler, die allerdings nach Hochsölden wollten und sich unsere Wege trennten. Der Anblick ihrer triefenden Gesichter machte mir klar: es ist normal zu schwitzen 😀 . Weiter mit 12-15% Steigung. Es gilt den richtigen Rhythmus zu finden. Der Puls war ist mit um die 175bpm recht hoch – aber es geht mir gut. So schraube ich mich mit durchschnittlich 8km/h nach oben. In den wenigen Kehren sinkt die Steigung auf 9% – Zeit zum Erholen. Nach knapp 8km erreiche ich die Überquerung kurz vor der Mautstation auf etwas mehr als 2.000m Höhe, danach geht es kurz bergab, durch die Station und dann direkt wieder hart weiter. Also noch mal in den Riegel gebissen, Luft geschnappt und weiter geht’s. Es sind ja nur noch 600Hm und 6km bis dahin, wo ich hin will.
Die Sonne ist gnadenlos. Ab der Mautstation gibt’s keine Bäume mehr. Die ersten Kilometer gehen mehr oder weniger geradeaus ins Tal hinein. Die Größendimensionen täuschen, denn es sind weiterhin 12-15% Steigung. Die Kehren geben Gelegenheit zum Durchatmen. Der Griff zur Flasche wird häufiger. Dabei nur nicht den Rhytmus verlieren, jetzt, wo du ihn einmal hast. Die zweite Flasche ist bereits fällig.
Es folgt ein Stück vor der Bewirtungshütte mit geschmeidigen 7-9%. Welch Wohltat. Ich sag mal so: bis 8% kann ich gut kurbeln, das könnte ich glaube Stunden aushalten. Alles was darüber ist, kostet mich Überwindung, Kraft und Motivation. Doch dann hebt man kurz den Kopf und sieht ihn: den Gletscher im Sonnenlicht. Welch Anblick. Noch 4km und 400Hm bis hoch. Vorbei an freilaufenden Ziegen, die hier wohl eher faul am Straßenrand herumlungerten. Im Gegensatz zum bbbaschtl, der seine Kühe immer zur Seite bitten muss, sind diese Ziegen hier wohl erzogen 😀 . Die Sonne brennt bei 31°C. Da fällt mir ein, was ich vergessen habe: die Beine habe ich mit LSF30 eingecremt… die Arme vergessen – schlecht, äußerst schlecht sogar!
Es folgt das härteste Stück: die Kehren mit 12-14% und das über fast 1km. Es klingt nicht viel, dieser 1km, aber der zehrt unheimlich, raubt einem die letzten Kräfte. Die Temperatur fällt schlagartig. Der Grund sind die dunklen aufziehenden Wolken. Dem Aussehen nach bedeutet es Regen. Es sind noch knapp 200Hm und 2km – die will ich jetzt nicht liegen lassen müssen, weil es regnet. Also weiter geht’s. Autofahrer schauen mich merkwürdig an, ich denke immer, ich habe irgendwas verloren oder mir hängt was im Gesicht… gut, könnte sein, dass das meine Zunge ist 😀 .
Der letzte Kilometer hat begonnen. Ab hier sind es nur noch 7-10%. Doch der Schein trügt. Das Ziel vor Augen kommt immer wieder der Gedanke „Wie weit ist denn bitte 1km? Haben die Österreicher ein anderes Verständnis von Kilometer?“ Doch dann ist’s geschafft.

Es zieht sich zu am Rettenbachferner, aber ich war da :-)

Es zieht sich zu am Rettenbachferner, aber ich war da 🙂

Die Sonne ist weg, ich bin oben, kurz vor der Verpflegungsbaude. Auf Grund der Wolken entschließe ich mich fix ein paar Bilder zu machen und dann schnell die Armlinge drüber und die Windweste angetackert und ab geht’s ins Tal.

Doch da waren sie wieder, meine drei Probleme, wobei, eigentlich ja nur eins: die Windjacke klemmt. Warum auch immer, bekomme ich den verdammten Reißverschluss nicht in den Griff. Das Ding blockiert einfach. Irgendwann klappt’s dann doch. Als ich fertig war und zur Abfahrt bereit bekomme ich den ersten Regentropfen ab. Unter keinen Umständen will ich da bei Nässe runter, also los, mach Strecke.

Von da unten kam ich her und da fahr ich auch wieder hin (bis zur Mautstation 600Hm)

Von da unten kam ich her und da fahr ich auch wieder hin (bis zur Mautstation 600Hm)

Irgendwann überholten mich zwei Motorradfahrer. Ich weiß nicht, ich bin noch nie eines gefahren, aber wie gut sind deren Bremsen eigentlich? Wie gut und sicher lässt sich so eine vollbeladene Reisschüssel manövrieren? Ich war jedenfalls froh, als sie vorbei waren. Beim Blick über die Schulter dachte ich immer „F***, was macht der hier so dicht hinter mir?“

Kurze Zeit später passierte ich die immer noch faul herumliegenden Ziegen und dann kam auch schon die Mautstation. Weiter ging es Richtung Tal. Es wurde dunkler, die Wolken dichter und der ein oder andere Tropfen fiel herunter. Die Temperatur war inzwischen auf 14-17°C gesunken. Nach gut 12 Minuten war ich wieder in Sölden am Abzweig. 12 Minuten… verdammt… ich bin 1h18min bis hoch gefahren!? Nunja, die Regentropfen häuften sich und es waren nur noch 2km bis ins Trockene. Der Bus war eine super Gelegenheit um relativ trocken und schnell voranzukommen 😀 – zumindest bis zur Haltestelle. Die letzten Meter schaffte ich dann auch noch ohne ihn. Und kaum angekommen, erspähe ich den italienischen Nachbarn, der wohl gerade losfahren wollte. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob er tatsächlich losgefahren ist – ich glaube es ja nicht wirklich.

Kaum angekommen, wurde aus ein paar Regentropfen ein ordentlicher Regen

Kaum angekommen, wurde aus ein paar Regentropfen ein ordentlicher Regen

Kaum hatte ich das Rad verstaut: Gewitter mit Regen, viel Regen. Ich würde sagen: bis hierher alles richtig gemacht 🙂 . Und die Trainingsrunde hat sich gelohnt und trotz der Anstrengungen Spaß gemacht.

Weltuntergangsstimmung

Weltuntergangsstimmung

3 Kommentare

  1. bbbaschtl

    Schöner Bericht von einem imposanten Anstieg. Die Allgäuer (Kühe) sind halt Dickschädel. 😉
    Jetzt mach aber mal langsam bis zum Ötzi. Auch wenn die Umgebung zum Bergfahren reizt: ab jetzt nur noch lockeres Rollen, sonst fehlt die Kraft für die Attacke am Timmelsjoch. 🙂

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  2. Martin (Beitrag Autor)

    Jawoll Meister 🙂 .

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  3. Pingback: 2010 war ein sportlich erfolgreiches Jahr | Rennrad Tischtennis Laufen und anderes

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